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Rongorongo

Rongorongo ist entzifferbar. Die Osterinselschrift aber nicht.

(Teil 1)
 
Michael H. Dietrich
 

 
Es wird allgemein angenommen, dass Rongorongo die Osterinselschrift ist. Seit ihrer Entdeckung bis heute wurde viel geforscht, viel geschrieben, viel vermutet, viel (angeblich) bewiesen – aber eine überzeugende Entzifferung von den Texten in Rongorongo gibt es bis heute nicht. Das Interesse an der vermeintlichen Osterinselschrift wächst ständig, das zahlreiche neue Einträge im Internet belegen. Hier findet man auch Literatur zur Genüge, die aber eher wissenschaftlich geschrieben ist und an der Sache interessierte Menschen deshalb überfordert, weil das Verständnis wissenschaftlicher Arbeiten immer eine gehörige Portion Fachkenntnis voraussetzen.
 
Deshalb werde ich in regelmäßiger Folge die Ergebnisse meiner eigenen Rongorongo-Forschung an dieser Stelle vortragen und mich dabei bemühen, so verständlich wie möglich zu schreiben, wobei es an der sachlichen Richtigkeit, an Quellennachweisen, Originalzitaten etc. nicht fehlen wird. Forschungsergebnisse sind keine Romane oder Kurzgeschichten. So wird auch mein Text nur solche Menschen ansprechen, die an Rongorongo ein Interesse haben oder durch meine Arbeit mit Rongorongo, der vermeintlichen Osterinselschrift, an das Thema herangeführt werden.
Es war Thomas Barthel, der mir vor vielen Jahren sein Buch „Grundlagen zur Entzifferung der Osterinselschrift“ (Hamburg 1958)in die Hand legte mit der Bitte nachzusehen, ob mir in den Zeichen etwas auffällt. Barthel wusste, dass ich Maler bin. Er hielt es für möglich, dass aus der bislang in der Forschung nicht genutzten Richtung „Kunst“ neue Hinweise oder neue Sichtweisen kommen könnten.


Als Maler weiß ich natürlich, dass der Betrachter eines Bildes immer nur die letzte Malschicht sehen kann. Wir Maler sagen, dass Bild liegt  „darunter“. Bilder bestehen oft aus vielen Schichten.
Caspar David Friedrich (1774 – 1840) war ein Meister in der Darstellung von Nebel oder Nebelstimmungen in der Natur. Restauratoren konnten bis zu 80 Lasuren, also feinste Farbschichten, auf seinen Bildern nachweisen. Solche Untermalungen sind unerlässlich, um einen ganz bestimmten Eindruck zu erreichen.
 
Mir ist aufgefallen, dass in der Rongorongo-Forschung den rein formalen Aspekten der 25 erhaltenen Objekte wenig Aufmerksamkeit entgegengebracht wird. Erst in jüngster Zeit wurden einige der hölzernen Tafeln untersucht auf das Alter des Holzes. Das ist nicht mein Thema und darüber findet der interessierte Leser gute Arbeiten im Internet.

In der bildnerischen Kunst ist die Frage nach der Abhängigkeit von Form und  Funktion sowie Inhalt ein philosophischer Dauerbrenner, für den es keine Antwort geben kann. Warum kerbten die Meister ihre Zeichen „ochsenwendig“ (bustrophedon)? Könnte es nicht sein, dass in dieser sicher bewusst gewählten Form eine Information steckt, die bislang nicht erkannt wurde? Noch extremer gefragt, gab es eine Notwendigkeit der Anordnung der Zeichen in dieser Form?
Nur das Londoner Reimiro zeigt eine einzeilige Notation, alle anderen Objekte sind einheitlich im Bustrophedon gekerbt. Warum – was ist die Antwort?
 
Für fast alle Zeichen gibt es realistische Vorlagen, die abstrahiert, also verkürzt, umgesetzt wurden in die Zeichen, die wir auf den Objekten finden. Mit großer Sorgfalt und erstaunlicher Professionalität sind viele Zeichen „nach der Natur“ gestaltet. Wenn aber jedes Zeichen mit großer Sorgfalt und Überlegung entstand, ist anzunehmen, dass auch die Tafel mit zielgerichteter Absicht insgesamt gestaltet wurde.
Deshalb habe ich die Hypothese formuliert, dass in der Anordnung der Zeichen eine inhaltliche Absicht steckt, die verstanden werden muss.
 
Das abgebildete Objekt wurde 1868 von Missionaren im Zeremonialdorf „Orongo“ im Schutt gefunden. Es ist die „Kleine Santiagotafel“, die seit 1870 in Santiago de Chile verwahrt wird 

 
 

 

In dieser Tafel sehe ich zwei „gestalterische Absichten“, für die es möglicherweise Erklärungen gibt. Rein formal misst die Kleine Santiagotafel 32 cm in der Länge und ca. 12 cm in der Höhe. Auf jeder Seite sind 8 Zeilen mit insgesamt ca. 750 Zeichen. Die Holzart ist noch nicht bestimmt.
Die untere und obere Zeile sind jeweils zur Hälfte auf einer Seite und dann umgebogen zur anderen Hälfte auf der anderen Seite. Mein spontaner Eindruck war, dass der Gestalter mit voller Absicht diese eigenartige und sehr schwierig zu arbeitende formale Besonderheit kerbte. Er hätte weniger Probleme mit einer geraden Zeichenfolge, anstelle dieser komplizierten „um die Kante herum“ gearbeiteten Zeichen. Ich erkenne darin eine künstlerische Methapher, dem Betrachter zu zeigen, dass es eigentlich nicht zwei Tafelseiten sind, sondern nur eine einzige, denn die Kante, die eine Tafel in Vorder- und Rückseite trennt, ist ja in gewisser Weise aufgehoben.
Es gibt noch andere Objekte mit dieser Besonderheit. 
 
 
(Die Küchenrollen liegen bei uns oben auf einem Schrank. Wenn man sich nur ungeschickt genug anstellt, eine solche Rolle von oben herab zu nehmen, kann es passieren, dass sich die  ganze Rolle unbeabsichtigt entrollt, was eine mittlere Küchenkatastrophe auslöst und entsprechende Kommentare der Hausfrau sowieso. Zum Glück ist mir genau das passiert und ich erkannte spontan ein Rongorongo-Experiment mit Auswirkungen, die ich nicht erträumen konnte.)


 
Die Tafel Tahua ist mit ca. 1.850 Zeichen eines der besterhaltenen Rongorongo-Objekte. Sie misst ca. 91 cm in der Länge und ca. 11,5 cm in der Breite. Die Tafel ist aus Eschenholz eines europäischen oder amerikanischen Ruderblattes gearbeitet.
Noch unbeantwortet ist die Frage, was zuerst war -  die Menge der zu kerbenden Information oder das hölzerne Objekt?

Im Fall der Tahua scheint die Sache klar zu sein, denn die Tafel war nach sorgfältiger Vorarbeit das von der Größe her vorgegebene „Schreibfeld“. Man hätte sie allenfalls kleiner machen können, aber niemals größer. Die Tahua war keine auf Maß gearbeitete Tafel. Wie war das bei den anderen Objekten? Der Santiagostab war ebenfalls als Ast vorgegeben und die Menge der Zeichen musste angepasst werden. Wurden Tafeln praktisch „auf Maß gefertigt“ oder mussten die Meister damit auskommen, was man als Treibholz fand oder aus heimischen Hölzern arbeitete?
Der Herstellung von Brettern aus ganzen Baumstämmen war in Ozeanien nicht bekannt. Sonst hätten sie auch Plankenboote bauen können, die sie nicht mehr in der Größe des Baumes einschränkten.

 
Ich habe alle Zeichen der Tahua nach den Abschriften von Barthel (1958) hintereinander zusammen geklebt und hatte dadurch die Zeichen - ohne erkennbare Zeilen - als einen einzigen langen Streifen. Dieser Streifen ist 7,50 Meter lang. Die Abschriften bei Barthel sind aber nur etwa halb so groß wie die Zeichen auf dem Original. Hätte ich das Original „abgeschrieben“, wäre ein fast 15 Meter langer Streifen entstanden.
 
So sieht der „Tahua-Streifenwurm“ auf Papier aus. Die ca. 1.850 Zeichen hintereinander sind auf der Tafel auf zwei Seiten untergebracht. 
 

 
 
 
 
 
Anschließend habe ich den Anfang der Zeichenfolge auf Aa 1 mit dem Ende der Zeichen auf Ab 8 (Nomenklatur Barthel) zusammengeklebt.  Das Ergebnis ist eine einzige Zeile, die eigentlich ein Zeichenkreis ist. Das sieht dann so aus:
 
 
 

 

 
 
 
     
 
Das bisher Vorgetragene ist nichts anderes als eine Hypothese, die auf der Grundlage von Erkenntnissen aus künstlerischer Gestaltung kommt. Es ist ein bisher in dieser Form und Konsequenz noch nicht eingebrachter Ansatz zum Verständnis von Rongorongo und der Versuch, die Gestaltung der Objekte nicht nur über Maßangaben und ausgezählte Zeichen zu definieren. Es gibt noch einen weiteren Hinweis auf  „astronomische Notationen“ als  mögliches zentrales Thema. 
 




 
Auf der Aruku im Format 41 x 15 cm befinden sich 10 Zeilen auf der einen und 12 Zeilen auf der anderen Seite. Als Holzart wurde bei der Aruku und auch anderen Tafeln Lauraceae bestimmt Das ist die Gattung der Lorbeerbäume, die mit 2.500 Arten in allen tropischen Regionen zu finden sind. Häufig haben diese Bäume so genannte Brettwurzeln, die in der nebenstehenden Abbildung gut zu erkennen sind. 
                                                                   
 

 
 
 
Wenn wir heute die Rongorongo-Tafeln zu den Kunstwerken aus Ozeanien zählen, ist das sicher berechtigt.  Aber als Kunst waren sie wahrscheinlich nicht gedacht.
Nach der ersten Berührung der Menschen in Ozeanien mit Europäern und Amerikanern verloren die alten Traditionen der mündlichen Überlieferungen ihre Bedeutung. Die jungen Menschen wollten lieber in den Missionsstationen der Missionare eine Ausbildung erhalten, als die Götter- und Geistergeschichten ihrer Eltern anzuhören mit den vielen Tabus für das tägliche Leben.
 
Ohne die technischen Hilfsmittel, die wir für eine solche Arbeit seit Jahrhunderten nutzen,
mussten 22 Zeilen mit jeweils 41 cm in der Länge konkav auf der Aruku ausgearbeitet werden, möglichst in der gleichen Größe und parallel – und das ohne eine Absicht dahinter? NEIN!
Das machen Künstler nicht. 
Die Rongorongo-Meister hatten nicht vor, Schönheit zu produzieren, Ästhetik und Harmonie. Sie hatten eine Aufgabe zu erledigen, deren Zielsetzung klar vorgegeben war: Informationen zu speichern und für die Nachwelt zu sichern. Als die Oral History nicht mehr funktionierte, bestand doch die Gefahr, das ganze alte Wissen zu verlieren. Was also war zu tun? Ich denke, die Missionare konnten diesbezüglich sehr hilfreich sein, denn sie wussten bestens, wie Wissen zu konservieren ist, an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden kann. Diese studierten Männer konnten Wege und Möglichkeiten aufzeigen aus denen Rongorongo hätte entstehen können.

 
Mein spontaner Eindruck bei diesen eigenartigen konkaven Furchen war, dass die Zeichen in „vorgegebenen Bahnen“ laufen – so, wie Sprinter auf der Bahn in ihrer Spur bleiben müssen. Die Zeichen auf manchen Objekten erhielten vorgegebene Wege in Form dieser kleinen Einbuchtungen, ganz so als dürften sie diesen  „vorgezeichneten Pfad“ nicht verlassen. 
Sterne und Planeten laufen seit ewigen Zeiten auf Wegen, die sie niemals verlassen. Eine durch und durch organisierte Ordnung steckt dahinter. Eine Ordnung, die rechenbar ist, die voraussehbar ist, die man erlernen kann zu beobachten und die sich eignet, Rückschlüsse verschiedenster Art zu ziehen für das tägliche Leben.
 
Obwohl ich kein einziges Zeichen besprochen habe, sondern ausschließlich meine Überlegungen einer Hypothese vortrug, deutete sich für mich eine Spur an, die zum Himmel in der Nacht führt.
Somit ergab sich die Möglichkeit, gezielt zu suchen nach astronomischem Wissen aus alter Zeit.
Einen interessanten Hinweis fand ich in der Literatur :

 
 
                                                                                                                



 
 
 
                                                                                           
Reche erfuhr eine ganze Menge über die Konzeption polynesischer Seefahrt von Eingeweihten auf Samoa. Aber auch von anderen Inseln kennen wir diese generelle Angabe „am drehenden Himmel entlang“.
 
 
In der Kunst der Maori Neuseelands gibt es zwei verschiedene Spiralmuster, die archimedische und die logarithmische. Letztere nannte man „taka-rangi“. Rangi (in verschiedenen Dialekten rangi, fangi ,langi etc genannt) bezeichnet den Himmel über uns mit Wolken am Tag und Sternen in der Nacht. Für „taka“ findet man in den einschlägigen Lexika den Begriff „to revolve, to roll, to fall (from a hight)“. Taka qualifiziert den Himmel und so entsteht die Übersetzung vom „ sich drehenden Himmel“.  Das ist ein häufig nachgewiesener Begriff und dabei fast immer im Zusammenhang mit Seefahrt und Sternnavigation gebraucht.
 
Rongorongo-Tafeln sind das Ergebnis einer sehr aufwendigen Handarbeit, die nicht jedermann bewerkstelligen kann. Ohne geübte Hände in der Bearbeitung von Holz kann man die sehr künstlerischen Zeichen nicht kerben. Aber die Tafeln sind in erster Linie das Resultat einer wohldurchdachten Konzeption zur Informationsbewahrung. Deshalb dürfen wir davon ausgehen, dass alles im Zusammenhang mit Rongorongo – von der ersten Idee bis zur gekerbten Tafel – gründlich durchdacht wurde. Weder die Anordnung der Zeichen noch die vor der Kerbarbeit einzubringenden konkaven Rillen waren zufällig. Ich habe mich damit beschäftigt, ob und welcher Sinn darin verborgen liegen könnte, der bislang noch nicht erkannt wurde. Dass nun meine Ergebnisse ganz und gar nicht zu den derzeitigen Ergebnissen der Rongorongo-Forschung passen, ist ein Fakt. 

 
Als mir Thomas Barthel seine Habilitationsschrift  „Grundlagen zur . . .“ schenkte, war ich der Meinung, nun den Beweis in Händen zu halten, dass Rongorongo die Osterinselschrift ist. Nachdem ich etwa zwei Jahre lang das Buch durchgearbeitet hatte, war ich felsenfest davon überzeugt, dass Rongorongo weder eine Schrift ist, mit der Kunst und Kultur  der Osterinsel nichts zu tun hat außer, dass Rapanui der Fundort der meisten Objekte ist, aber aus meiner Erkenntnis zu keiner Zeit jemals auch ein „Tatort“ für Rongorongo war. 
 
                                              

 
Wie kommen 1.850 Zeichen auf zwei Seiten einer Tafel, ohne Leerstellen, ohne Absätze, ohne erkennbare Gliederung der Zeichen? Wie können so viele Zeichen so exakt auf die beiden Seiten passen, dass von der ersten Seite unten links bis zur zweiten Seite die Zeichen so exakt eingepasst sind, wie ein Puzzlestück ins andere?
 
Im Zweiten Teil werde ich das erklären, wie man es wohl anstellte, und welche Vorarbeiten notwendig waren.


Unter diesem link finden Sie das Buch zu meinen Forschungen:

http://www.grin.com/de/e-book/317681/auf-goetterpfaden-ueber-den-pazifik-die-geschichte-der-vermeintlichen/?partner_id=1202373

 

http://rongorongo-script.de
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